Der Tag gestern war, abgesehen von einem tatsächlich geöffneten Supermarkt, reichlich unspektakulär.
Wir fuhren zwar noch zum Angeln raus in den Fjord, aber dort ging absolut gar nichts. Auch beim Grundangeln hatten wir genau so viel Erfolg wie ein Toastbrot beim Hallenhockey. Die Nachbarn waren wohl weiter draußen gewesen und hatten einen relativ guten Fang vorzuzeigen. Schön für die Nachbarn.
Abends meinte ich dann auf der Couch noch zu Hasepups: „Es muss jetzt aber auch einfach mal was Lustiges passieren, damit ich etwas Lustiges berichten kann.“ Sie war es schließlich gewesen, die mich überhaupt erst dazu genötigt hatte, diesen Reisebericht zu schreiben, um die örtliche Fan-Kurve im Forum bei Laune zu halten.
Ihre Antwort kam ein wenig zu schnell.
„Ja“, sagte sie.
Und nur eine Millisekunde später schob sie hinterher: „Was?“
Ich guckte sie irritiert an.
Ich hielt inne. Mein Gehirn legte eine kurze Gedenksekunde ein, wie ein alter Röhrenfernseher, der erst mal warmwerden muss.
Wer bin ich? Wo bin ich? Und warum unterhalte ich mich mit einer Person, deren Reaktionszeit der eines eingefrorenen Feldhamsters gleicht? Ist das jetzt die Vorstufe von Demenz oder bin ich versehentlich in ein Paralleluniversum abgebogen, in dem Unterhaltungen nach dem Zufallsprinzip funktionieren?
„Entschuldige“, sagte sie schließlich. „Ich bin gedanklich immer noch auf der Arbeit und im Autopilot. Ich habe völlig vergessen, dass ich hier mit dir rede und tatsächlich eine Interaktion von mir erwartet wird.“
Na klasse. Was habe ich nur für ein unverschämtes Glück.
Für den heutigen Tag wurde dann Regen angesagt – ab dem Nachmittag. Keine Ahnung, was genau in der Raum-Zeit-Krümmung zwischen dieser Informationsbekanntgabe meinerseits und meinem darauffolgenden Toilettengang passiert ist, aber als ich von besagtem Ort zurückkam, guckten mich meine Mitbewohner an und teilten mir freudestrahlend mit, dass der Wecker für morgen auf 6 Uhr gestellt wird.
Und wieder: Ich habe ja so ein Glück.
Als heute Morgen um 6 Uhr tatsächlich der Weckruf ertönte, habe ich mich vehement geweigert aufzustehen. Schließlich war ich diejenige, die in den letzten Tagen immer als Erste wach war und pflichtbewusst den Kaffee zubereitet hat. Ich bequemte mich also erst aus meinem Bett, als ich meinen Mann unten bereits lärmen hörte und die Kaffeemaschine verheißungsvoll schnorchelte.
Der fjord lag da, spiegelglatt

Gegen 8 Uhr waren wir dann auch endlich soweit und konnten losfahren. Und unsere Nachbarn? Die waren natürlich schon weg. Frühaufsteher-Streber. Wir sind dann rausgefahren in Richtung Svinøyosen und es passierte: nichts. Absolut nichts.

Wir klapperten diverse Untiefen ab, versuchten es mit Grundangeln, aber außer ein paar mittelmäßigen Pollacks, ein paar Seelachsen und einem Leng als Beifang sowie einem Schellfisch beim Grundangeln kam leider nix rum.

Hier noch ein bild des schwimmenden filitier-bootsstegs :
Kurz nach dem Mittag sind wir dann wieder zurück zum Haus gemacht. Auch unsere Nachbarn waren schon da und machten lange Gesichter wie ein Trauerspiel in drei Akten. Nichts gefangen, dabei waren die heute extra ganz weit draußen. Ein kleiner, fieser Trost.
Nachdem wir den Fisch versorgt und eine kurze Kaffee- und Kuchenpause eingelegt hatten, wurde Hasepups schon wieder unruhig. Offensichtlich fehlt der Guten hier auf der Insel einfach der Auslauf. Ich bot ihr großzügig an, dass sie sich ja jederzeit das Auto nehmen könne. Allerdings scheiterte das schon daran, dass sie nicht selber mit dem Boot übersetzen wollte.
Nach kurzem Hin und Her entschlossen wir uns schließlich alle, noch mal eine Runde an Land zu fahren und spazieren zu gehen. Für mich allerdings nur unter einer knallharten Bedingung: Wir gehen auch Pilze sammeln. Abgemacht.
Man mag sich ja doch wundern, wie erstaunlich wenige Wälder es hier auf der Insel Bømlo gibt – und wie viele davon noch weniger frei zugänglich sind. Schlussendlich wurden wir beim vierten Anlauf aber fündig und entdeckten einen Wald, der betretbar war und in dem tatsächlich Pilze standen.
Nach eineinhalb Stunden, dem mehrfachen Verlust meines Verstandes, meiner Orientierung und meiner mitsuchenden Mitschenkel hatten wir uns vollends verlaufen. Wir hörten die Straße, wir hörten die angrenzende Baustelle, aber wir fanden ums Verrecken keinen Weg zum Auto zurück.
In mir kroch Panik auf. Oder Ameisen. Wobei Letzteres wahrscheinlicher war.
Schließlich hatte ich während meiner Pilzsuche im Dickicht diverse Äste, halbe Bäume, undefinierbare Pflanzen und möglicherweise auch ganze Familien von Waldbewohnern mitgenommen. Ich war mittlerweile nur noch grenzenlos genervt. Ich wollte aus diesem Kackwald raus, ich wollte aus diesen nassen Klamotten raus und ich wollte einfach nur noch auf mein Sofa.
Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber es kommt irgendwann dieser eine Punkt im Leben, an dem man einfach nur noch massiv angenervt ist von allem und jedem. Mein rechter Fuß war nass, weil ich tief ins Moor getreten war. Ich hatte Rinde, Käfer und Tannennadeln in meiner Unterhose und an allen anderen möglichen und unmöglichen Stellen meines Körpers. Ich war durchgefeuchtet und ich war verschwitzt.
Und zum krönenden Abschluss ist dann auch noch die Papiertüte mit den gesammelten Pfifferlingen – vom Regen völlig aufgeweicht – gerissen und hat ihren gesamten Inhalt elegant auf dem matschigen Waldboden ergossen.
Habe ich ein Glück. Glück, Glück, Glück.
Zumindest Hasepups war jetzt körperlich ausgelastet und zufrieden, und auch mein Ehemann war am absoluten Ende seiner Kräfte – körperlich wie auch nervlich. Wir fuhren zurück, während der Vito von innen fröhlich beschlug, und dann durften wir natürlich noch das Boot zurück zur Insel übersetzen.
Das einzig Positive des Tages: Wir haben einige Fische des heutigen Fangs zu absolut fantastischen Fischburgern verarbeitet.

Und jetzt darf ich endlich auf meinem Sofa sitzen, meinen Tee trinken und einfach nur noch mein Gehirn abschalten.
Glück. Glück. Glück...